Evangelischer Kirchenverband Köln und Region

"Die Kirche verreckt an ihrer Sprache" - Spannender Abend in der Antoniterkirche

"Rhetorik-Kurs für Zombies" - Sprachliche „Erinnerung und Erneuerung“ zum Reformationsjubiläum 2017

11.04.2017

Eigentlich habe er bei der Abfassung seiner Streitschrift „Der Jargon der Betroffenheit: Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt“ eher an seine eigene Konfession gedacht, bekannte der Katholik Erik Flügge vor rund einhundert gespannten Besuchern in der Antoniterkirche. „Aber dann hat niemand so beleidigt reagiert wie die reformierte Kirche in der Schweiz“, sagte der 30-Jährige, der einmal in der katholischen Bildungsarbeit tätig war und heute als Geschäftsführer von Squirrel & Nuts Politiker und Parteien berät.

Erik Flügge (li.) und Michael Meyer-Blanck im Gespräch über Sprache und Religion

„Erinnerung und Erneuerung“ zum Reformationsjubiläum 2017
Irgendeinen konfessionsübergreifenden Nerv muss er also treffen, wenn er über verschwurbelten, gefühlsduselnden Sprachgebrauch auf den Kanzeln klagt und für eine zeitgemäße Ansprache wirbt – sein Buch jedenfalls landete auf der Bestseller-Liste des „Spiegels“. Deshalb hatten ihn die Veranstalter der Reihe „Erinnerung und Erneuerung“ zum Reformationsjubiläum 2017 – also die AntoniterCityKirche, das Domforum, das Katholische Bildungswerk Köln sowie die Melanchthon-Akademie – zu einem Abend im Gotteshaus an der Schildergasse eingeladen. „Passend zum Reformationsjahr haben wir aber, wie in Luthers Zeit, die Form der Disputation gewählt, um den Thesen von Erik Flügge etwas gegenüberzustellen“, begrüßte Markus Herzberg, Pfarrer an der Antoniterkirche, die Besucher. Dazu war mit Professor Dr. Michael Meyer-Blanck von der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Uni Bonn ein hervorragender Vertreter der herrschenden Lehrmeinung angetreten.

Pseudo-poetische Floskeln in der Kirchensprache
Zunächst aber fasste Flügge die Behauptungen aus seiner Schrift noch einmal zusammen. Allzu oft seien Gottesdienstbesucher und Gläubige im Gespräch mit Geistlichen mit pseudo-poetischem, pseudo-intellektuellem, mit Floskeln durchsetztem Daherreden konfrontiert. Von mysteriösen „Glutnestern des Glaubens“ sei die Rede, es fielen obskure Zitate von Größen der Religionsgeschichte, wenn es um eine zentrale Aussage der Bibel wie: „Die letzten werden die ersten sein“ gehe, teile der Geistliche in der Predigt gern seine Erfahrungen vom letzten Halbmarathon mit. Und bei einem Gespräch über eine Kollegin, die ihren Job verloren hatte, habe „eine Freundin im kirchlichen Dienst“ diesen Schicksalsschlag mit den Worten kommentiert: „Sie nimmt die Arbeitslosigkeit jetzt als besondere Zeit für sich. Da kann sie sich ja auch nochmals ganz intensiv neu und anders erleben.“

Rhetorik-Kurs für Zombies
„Fremd und falsch“ nennt Flügge diese Sprache, ein Übertünchen der Realität. So als habe der Sprecher sie in einem „Rhetorik-Kurs für Zombies“ erlernt: „Warum können Geistliche nicht mit ihren eigenen Worten reden, auch über ihren Glauben, so wie man mit Bekannten beim Bier redet. Es darf sich jedenfalls niemand wundern, wenn die Menschen den Pfarrern ihren Glauben nicht mehr abnehmen.“ Der Mangel an Authentizität, das Inszenierte und Klischeehafte bei der Vermittlung von Glaubensinhalten meint Erik Flügge aber auch jenseits der Sprache anzutreffen. Wenn etwa Konfirmanden durch ein Labyrinth geführt werden, um am Ende in einen Spiegel zu blicken, wenn er bei einem „kirchlichen Seminar mit Körpererfahrungseinheiten“ durch einen Raum tanzen muss, um Rhythmen zu erspüren, aber auch schon, wenn er beim Öffnen der Kirchentüre das Gefühl hat, er betrete „ein Grab.“

Symptom einer allgemeinen Erschlaffung
Der reißerische Titel der Schrift gefalle ihm nicht, entgegnete Michael Meyer-Blanck, aber in einigen Punkten gebe er Flügge durchaus Recht. So müsse ein Priester als Person erkennbar sein, mit Ecken und Kanten, und das Anliegen des Buches, das „Sprachgeschwurbel“ durch theologische Substanz zu ersetzen, sei völlig „okay“. Allerdings glaubt der Hochschullehrer, zu dessen Forschungsschwerpunkten Liturgik, Religionspädagogik und Praktische Theologie gehören, nicht, dass es mit einer Veränderung der Sprache getan sei. Die könne höchstens „ein Symptom einer allgemeinen Erschlaffung“ sein. Allerdings sieht Meyer-Blanck, der selbst als Pfarrer tätig war, dies nicht, wenn es etwa um Predigten geht: „Da hat sich vieles verbessert in den vergangen 50 Jahren, die Kollegen machen eine Menge richtig.“

Sprache des Gebets
Vor allem ist Meyer-Blancks Sicht auf die Sprache eine grundsätzlich andere. So mache die Sprache des Gebets den Hauptteil der Liturgie aus, und das Gebet sei das genaue Gegenteil einer Rede mit eigenen, persönlich gewählten Worten, es dürfe deshalb aber nicht weniger glaubwürdig oder intensiv sein: „Das Gebet ist eine Wiederholung, es ist voller wiederkehrender Formeln, der Zelebrant trägt ja keine Neuigkeiten vor. Aber er muss vergessen, dass es sich um eine Wiederholung handelt, er muss die Worte so wieder-holen, als seien sie ihm gerade erst in den Kopf gekommen, geradezu lustvoll.“

Widerspruch zum Ritus im Kontext des Ritus
Es liege aber auf der Hand, dass das öffentliche Gebet misslingen kann, und „es braucht eine lange Ausbildung bis man von seinem Glauben reden kann, ohne dass es peinlich wirkt“, versuchte der Hochschullehrer Verständnis für die Geistlichen zu wecken. Die Predigt, so der Professor, sei aber nur „ein Widerspruch zum Ritus im Kontext des Ritus“, sie ermögliche die persönliche Ansprache innerhalb der weitgehend formalisierten Liturgie. In der Predigt als dem Sonderfall der Liturgie werde der Pfarrer ganz besonders angreifbar, weil er von seinem eigenen Glauben spreche. Weil es um besondere, tiefe Dinge gehe, sei aber auch hier die künstlerisch-ästhetische, etwa bildhafte Rede am Platz – und wenn sie wissenschaftlich unterfüttert sei, schade es ganz und gar nicht. Selbstverständlich sollte das Persönliche stets exemplarisch sein, nicht beliebig, sollte das Künstlerische nicht ins Künstliche abgleiten und das Wissenschaftliche nicht in intellektuelle Protzerei. Das gelinge nur nicht immer.

„Helden“ wie Jesus oder Luther
Erik Flügge zeigte viel Verständnis für den Standpunkt Meyer-Blancks, vor allem für die besondere Rolle der Sprache in der Liturgie. Dennoch, beim anschließenden, durchaus humorvoll geführten Meinungsaustausch, an dem sich auch die Besucher beteiligen konnten, blieben Gegensätze klar erkennbar. So erklärte Flügge, seine „Helden“ seien Figuren wie Jesus oder Luther, die mit zum Teil jahrhundertealten Traditionen und – auch liturgischen - Formen brachen. Das sei längst wieder vonnöten: „Der herkömmliche Gottesdienst als Form ist durch, das zeigen doch die Besucherzahlen“, sagte er. Andere Wege und Orte für die Glaubensvermittlung müssten gefunden werden. Und die Mitarbeiter der Kirchen sollten sich, was etwa Kleidung und Frisur angeht, besser mit aktuellen Trends vertraut machen, damit man ihnen überhaupt zuhöre. „Wir Katholiken haben wegen des Zölibats mitunter ja besonders problematisches Personal.“



Text: Hans-Willi Herrmans
Foto(s): Hans-Willi Herrmans