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Lichtparcours, Komplet und Musikimpulse

Evangelische Kirchen in der Kölner Innenstadt luden zu Stille und Gesprächen ein

19.03.2017

Nachtschwärmer mit nicht alltäglichem Ziel mischten sich zur „Langen Nacht der Kirchen“ in der Kölner Innenstadt unter die Späteinkäufer und Gaststättenbesucher. Im Trubel der Großstadt führten ihre Wege zu Orten der Ruhe und des gedämpften Lichts in evangelischen und katholischen Kirchen, die ihre Pforten bis Mitternacht öffneten.

In der Farbe der Passionszeit: die Antoniterkirche auf der Kölner Schildergasse
Wer dort einkehrte, bekam spirituelle und meditative Anregungen unter der Überschrift „Die Nacht, der Raum, die Stille“.

Die Antoniterkirche
In der violetten Farbe der Passionszeit leuchten Theaterscheinwerfer den Altarraum der Antoniterkirche in der Einkaufsmeile der Kölner Schildergasse aus. Pfarrer Markus Herzberg und Pressereferentin Annette Scholl empfangen die Besucher herzlich. Viele nehmen sich ausgiebig Zeit, die drei Skulpturen von Ernst Barlach „Der Schwebende“, „Der Lehrende“ und das „Kruzifix II“ zu betrachten. Gregorianische Gesänge aus einer Benediktinerabtei untermalen die Raum-Atmosphäre. Ungewöhnlich für eine evangelische Kirche: Es riecht nach Weihrauch. „Ein Zeichen der ungeteilten Christenheit“, erklärt Annette Scholl.

Mitten in der „Langen Nacht der Kirchen“ leitet Herzberg eine Komplet. Diese Art des wie Psalmen gesungenen Nachtgebets ist biblisch verwurzelt und knüpft an den Orden der Antonitermönche an. Jeden Mittwoch wird sie in der Antoniterkirche gepflegt – ebenfalls als Zeichen ökumenischer Verbundenheit. „Das Gedenken an Dorothee Sölle, deren Politische Nachtgebete hier stattfanden, überlassen wir der Christuskirche, seit der Platz dort nach ihr benannt ist“, verweist der Pfarrer auf ein anderes Angebot.

Die Christuskirche
Sanftes gelbliches Licht leuchtet die weißen Wände der umfangreich erneuerten Christuskirche aus. Pfarrer Christoph Rollbühler zündet mit den ersten Glockenschlägen nach Öffnung der Kirche die Kerzen auf dem Altar an. Leise läuft im Hintergrund Musik der zeitgenössischen japanischen Komponistin Shoko Shida, die wie gregorianische Gesänge klingen. „Du bist die Hand in meinem Rücken, der feste Grund, wenn alles wankt. Du bist Gott und ich bin Menschen, du in mir und ich in dir“, lautete ein Gedicht, das vorgetragen wird. Andere sind von Dorothee Sölle.

In Stuhlkreisen kommen Menschen zusammen, die sich nicht kennen. Sie nehmen die Texte, lesen sie und reichen sie weiter an ihre Nächsten. Ein Besucher steht auf und liest laut Zeilen aus dem Text „Gott ist allzeit bereit“ des mittelalterlichen Theologen Meister Eckhart vor. „Die lange Nacht der Kirchen gibt Menschen die Möglichkeit, die besondere Sakralität zu erleben, die hier geschaffen wurde, und sie erfahren, was im Gemeindeleben geschieht“, erklärt Rollbühler.


Eine ausgeklügelte Lichtinstallation von Rocco Librizzi


Die Trinitatiskirche
Der Leiter der Melanchthon-Akademie, Pfarrer Dr. Martin Bock, betreut seit drei Jahren die Lange Nacht in der Trinitatiskirche, die heute als zentraler Veranstaltungsort des Evangelischen Kirchenverbandes Köln und Region genutzt wird. „Hier soll vor allem der Raum Wirkung entfalten“, erläutert er. Küster Rocco Librizzi ist die ausgeklügelte Lichtinstallation zu verdanken. „An der Ausrichtung der Strahler habe ich so lange gearbeitet, bis das Kreuz über dem Altar wie gewünscht einen Schatten auf die Kassettendecke warf“, berichtet er.

Jede halbe Stunde tritt Bock ans Lesepult und liest aus der Bibel. Die Geschichte vom Propheten Elis, der in die Wüste ging, um Gott zu suchen, regte zum Nachdenken über Entschleunigung an. „Das Ohr bildet sich als erstes Organ aus beim Embryo, und der Mensch hört bis zu seinem letzten Moment“, sagt der Pfarrer und lädt alle ein zum persönlichen Gespräch.

Die Kartäuserkirche
„Man kommt ins Dunkle hinein und geht auf das Licht zu, das fasziniert mich heute Nacht besonders“, meint Pfarrerin Dr. Anna Quaas. Trotz der stark befahrenen Ulrichstraße in der Nähe ist es bis auf das leise Rauschen der Heizung sehr still in der mittelalterlichen Kartäuserkirche. Kantor Thomas Frerichs improvisiert musikalisch zu Texten von Martin Luther und Südstadt-Pfarrer Mathias Bonhoeffer. „Die Acht als Konstruktionszahl der Kartäuserkirche, die liegende Acht: mathematisches Zeichen für Unendlichkeit“, trägt Bonhoeffer aus einem seiner eigenen Texte vor.

Und einen Bezug zum aktuellen Thema „Wohnungsnot in Köln“ stellt die Auslegung des Psalms 31 („Du Gott, stellst meine Füße auf weiten Raum“) dar: „Menschen brauchen Lebensräume, um sich entfalten zu können, um Wurzeln schlagen zu können und Freiräume zu gestalten“.



Text: Ulrike Weinert
Foto(s): Ulrike Weinert

© Evangelischer Kirchenverband Köln und Region