Evangelischer Kirchenverband Köln und Region

Alexander Markowetz sprach über Burnout

Zu Gast beim Schulpolitischen Aschermittwoch im Haus der Evangelischen Kirche

02.03.2017

Vor einigen Jahren habe er noch über junge Leute den Kopf geschüttelt, die bereits beim Frühstücken im Hotel ihr Smartphone zückten, erzählte Stadtsuperintendent Rolf Domning bei seiner Begrüßung zum traditionellen schulpolitischen Aschermittwoch im Haus der Evangelischen Kirche. „Heute erwische ich mich zuhause oft selbst dabei."

Medienwissenschaftler und Autor Alexander Markowetz hielt am schulpolitischen Aschermittwoch im Haus der Evangelischen Kirche einen Vortrag zum Thema "Digitaler Burnout".
Das Smartphone und die neuen Medien insgesamt, daran könne kein Zweifel bestehen, hätten massive gesellschaftliche Umbrüche zur Folge, so Domning, und auch wenn die Evangelische Kirche kein eigenes Rezept im Umgang mit diesen Medien habe, so müsse doch aus ihrer Sicht das menschliche Maß in dieser Frage stets im Auge behalten werden: „Deshalb geben wir kritischen Stimmen gern ein Podium“, und damit leitete der Stadtsuperintendent zum Gastredner über.

Studie zu Smartphone-Verhalten
Diese Stimme war beim schulpolitischen Aschermittwoch, der jedes Jahr vom Evangelischen Schulreferat zusammen mit dem Pfarramt für Berufskollegs organisiert wird, der studierte Informatiker und Medienwissenschaftler Alexander Markowetz. Als Juniorprofessor für Informatik an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, so erzählte er vor versammeltem Publikum aus Schule, Bezirksregierung und Evangelischem Kirchenverband, war er Initiator des „Menthal Projekts“, das sich bis dato mit dem Smartphone-Verhalten von etwa 300.000 Nutzern befasst hat. Seine Erkenntnisse hat Markowetz unter anderem in dem Buch „Digitaler Burnout“ zusammengefasst.

Fundamentale Veränderungen wie durch die Erfindung der Dampfmaschine
Schon zu Beginn seines ebenso unterhaltsamen wie nachdenklichen Vortrags prophezeite er, dass die Digitalisierung ähnlich fundamentale gesellschaftliche Veränderungen nach sich ziehen werde wie die Erfindung der Dampfmaschine. Während im 19. Jahrhundert urplötzlich Energie in fast beliebig großer Menge zur Verfügung stand und die Bildung der Großindustrie ermöglichte, die wiederum das Entstehen des Proletariats und später des Sozialstaats, die Gründung von Parteien und Gewerkschaften zur Folge hatte, seien wir heute damit konfrontiert, dass wir eine potenziell unendliche Menge an Daten und Informationen kommunizieren, abspeichern und verarbeiten können. Etwa mit Hilfe des Smartphones, das seit 2009 zu erschwinglichen Preisen auf dem Markt ist und das jeder, vom Kind bis zum Greis, bequem in der Hosentasche mit sich führen kann.

Langer Prozess im richtigen Umgang mit Digitalisierung
Dass diese Technologie in vielerlei Hinsicht hilfreich und nützlich sein kann, wolle er nicht in Abrede stellen, so Markowetz. Etwa wenn es um wissenschaftliche Recherche, um finanzielle Transaktionen oder das Ordern von Tickets gehe. Er halte es aber für ausgeschlossen, dass die Institutionen und die Konzepte, die seit dem 19. Jahrhundert in Fragen der Wirtschaft, der Bildung und des Zusammenlebens entwickelt wurden, das 21. Jahrhundert überleben werden. Sicher sei, dass die Antwort auf die Herausforderungen durch die Digitalisierung weder ihre völlige Befürwortung noch ihre völlige Ablehnung sein könne: „Im Fall der Industrialisierung und des Kapitalismus haben unsere westlichen Gesellschaften etwa 150 Jahre gebraucht, um einen für alle einigermaßen akzeptablen Umgang damit auszuhandeln.“ Diesen Prozess müsse man sich im Falle der Digitalisierung mindestens genauso komplex vorstellen.

Smartphone bis zu 50 bis 100 Mal pro Tag genutzt
Besonders spannend für die Pädagogen waren Markowetz‘ Betrachtungen zum konkreten Umgang mit dem Smartphone. Die Bezeichnung „Telefon“ – die deutsche Übersetzung für „phone“ - sei nämlich irrführend. Nur sieben Minuten pro Tag werde das Gerät zu diesem Zweck durchschnittlich genutzt, während es rund 2,5 Stunden täglich eingeschaltet sei – im Durchschnitt aller Altersgruppen, bei jungen Leuten liege der Wert teils erheblich höher. Alarmierend sei aber vor allem die Erkenntnis, dass zahlreiche gerade jüngere Nutzer ihr Smartphone 50 bis 100 Mal pro Tag einschalten – vor allem, um ihren Mail-Account zu „checken“.

Häufige Smartphone-Nutzung schränkt Produktivität ein
„Dies hat eine ungeheure Fragmentierung des Tages zur Folge“, so Markowetz. „Damit wird nicht nur jede Form der Produktivität unterbunden, sondern dieses Verhalten verhindert auch, dass man in einen ‚Flow‘ kommt, denn dafür muss man sich längere Zeit am Stück einer Sache widmen. Das weiß jede Ballerina und jeder Chirurg. Aber es ist ja gerade dieser Zustand, der Glück und Befriedigung bringt. “ Verführerisch sei, dass die zeitliche Spanne zwischen Reiz und Belohnung bei den digitalen Medien relativ kurz sei: Während eine gelungene Hausarbeit im Studium konzentrierte Arbeit über drei Monate hinweg in Anspruch nehme, sei das drollige Katzen-Video auf YouTube immer nur einen Klick entfernt. Die beständige Möglichkeit zur Ablenkung, die implizite Aufforderung zur Unterbrechung der laufenden Tätigkeit, mache das Smartphone zur Gefahr.

Was tun gegen Smartphone-Abhängigkeit?
Das sähen auch zahlreiche Smartphone-Nutzer so, die sich teils verzweifelt an ihn wendeten. Mit der schlichten Aufzählung der Gefahren und Nachteile sei den meisten nicht geholfen, das verhalte sich ähnlich wie mit dem Rauchen. „Die Tatsache, dass es ungesund ist, hat nur wenige Raucher zum Aufhören bewogen. Erst seit sie sich Stiefel und Jacke anziehen und nach draußen gehen müssen, hat sich etwas grundlegend geändert.“ So rät Alexander Markowetz, man müsse sich Regeln auferlegen, etwa ein Smartphone-Verbot im Schlafzimmer einführen. Schon die Anschaffung einer Armbanduhr verhindere, dass man ständig das Gerät hervorholt.

Markowetz fordert „Smartphone-Etikette“
Und ähnlich wie früher einmal beim Umgang mit dem Telefon, müsse in der Gesellschaft insgesamt eine „Smartphone-Etikette“ durchgesetzt werden. „Noch in den 80er Jahren waren Anrufe zwischen 12 Uhr und 15 Uhr verpönt; nach 20 Uhr ging auch nicht oder während der Sportschau. Was Smartphones angeht, herrscht jetzt noch völlige Anarchie. Da werden um 2 Uhr nachts Mails losgeschickt und teilweise direkte Antworten erwartet.“
Bei Mails an Bekannte solle man lernen, Verantwortung für das seelische Wohlbefinden des Empfängers zu übernehmen, sich fragen, ob die jeweilige Information tatsächlich wichtig ist. Und bei wirklich wichtigen Nachrichten müsse das Telefon „bimmeln“: Damit das Gegenüber sicher sein kann, nichts zu verpassen, wenn sie oder er nur ein- oder zweimal pro Tag seine Mails aufruft.

Tipps für das Smartphone-Verhalten in der Klasse
Auch Lehrer könnten solche Regeln für einen Klassenverband aufstellen. Zum Beispiel mit Eltern verabreden, dass das Smartphone nach 20 Uhr nicht mehr benutzt werden darf. So würden keine einzelnen Schüler – von besonders fürsorglichen Eltern etwa - von der Kommunikation ausgeschlossen. Dazu gehöre aber auch, dass man Kindern und jungen Leuten wieder beibringe, wie man analoge Zeit gestalten kann, auch, wie man Langeweile und Frustration erträgt, ohne gleich nach der schnellen Ablenkung im Internet zu suchen.
Insgesamt seien Lehrer und Eltern allerdings nicht zu beneiden, denn Innovationssprünge seien bei den neuen Medien alle fünf Jahre zu erwarten. „Wenn man ein Kind im Jahre 1970 auf die Arbeitswelt vorbereitete, dann konnte man sich sicher sein, dass sie 20 Jahre später sehr ähnlich aussehen würde“, so Markowetz. „Heute können wir uns aber nicht vorstellen, wie die Welt 2030 aussieht.“ Eltern und Erziehern rate er nur, guten Gewissens die „Operation am offenen Herzen“ zu vollziehen – „wir können es uns nicht leisten, gar nichts zu tun.“



Text: Hans-Willi Hermans
Foto(s): Hans-Willi Hermans